„Das Zwitschern des Vogels weckt den Menschen aus seiner Gleichgültigkeit. Er lauscht dem Lied und rühmt die Weisheit dessen, der das süße Lied des Vogels schuf ebenso wie die zarten Empfindungen des Menschen.“

Khalil Gibran – Wenn die Liebe dir winkt, folge ihr

Viele von euch twittern ja und nutzen dies als Möglichkeit, sich andern mitzuteilen und gute Gedanken nicht einfach verschwinden zu lassen, sondern sie in die große Welt zu setzten, in der Hoffnung, dass sie wachsen, sich weiterentwickeln und Menschen zum Nachdenken bewegen. Auch ich führe meinen Twitteraccount (so gut es mir ohne mobiles Internet eben möglich ist) möglichst regelmäßig und das schon seit über einem Jahr. Sobald ich nach Hause komme, schmeiße ich meinen Laptop an und schaue nach wie es euch geht, was ihr in meiner Abwesenheit gemacht hab und was es Neues in der Welt zu entdecken gibt. Doch leider tauchen vereinzelt immer einige „Problemchen“ auf, die ich hier gerne einmal ansprechen würde, da mir dazu einfach keine 140 Zeichen reichen.

Problem Nummer 1:

Der „Was gibt es neues?“-Kasten setzt einem manchmal ziemlich unter Druck.
Man hat einen guten Gedanken, ein Gefühl, das unbedingt in höchstens 140 Zeilen gepackt werden will, doch die Worte bleiben im Kopf. Sie liegen dort irgendwo vergraben, neben zahlreichen anderen Informationen, Gedanken und lästigem Gehirnkram, eingebettet zwischen der Einkaufsliste für den Nachmittag (1 Liter Milch, Schuhcreme, Brot und Taschentücher) und dem letzten Gedanken an IHN (die Geste, wie er sich langsam durch sein haselnussbraunes, schimmerndes Haar fährt, dabei sein aufgesetztes Lächeln verliert und du für einen kurzen Moment die ganze Bandbreite seiner Gefühle für dich erhaschen kannst).

Und so muss der weiße aufdringliche Kasten eben leer bleiben. Twitter wird geschlossen und ein mulmiges Gefühl macht sich in der Bauchgegend breit, weil man denkt, man müsse all diesen Leuten doch etwas von der eigenen Welt mitteilen, von SEINEM Lächeln, von dieser unsinnigen Einkaufsliste.

 
Problem Nummer 2:

Manchmal ist Twitter einfach nicht genug.
Man möchte sich offenbaren, mit jemanden über das sprechen, was einen bewegt. Man kennt die meisten Leute dort kaum, einige vielleicht persönlich, aber eben die wenigsten und trotzdem will man sich gerade diesen Menschen mitteilen. Doch ob diese den eigenen gesamten, facettenreichen Charakter begreifen können, das bleibt fraglich.

Dann denkt einmal daran, dass es auch Leute in eurem täglichen Umfeld geben kann, die euch helfen, die euch zuhören können. Menschen, wie eure Familie, eure Freunde. Denn Twitter ist nicht DAS Leben. Twitter ist eine nette Möglichkeit, sich mit Menschen auszutauschen, die vermutlich selbst einmal all diese Probleme, Gedanken, Gefühle gehabt haben, die ihr gerade durchlebt, aber eure „echten“ Mitmenschen werden es euch auch nicht übel nehmen, wenn ihr ihnen von all diesen unterdrückten Gefühlen, den bewegenden Gedanken erzählt. Sie wissen wie ihr wirklich seid. Sie verstehen euch.

 
Problem Nummer 3:

Twitter nimmt einen zu großen Stellenwert im Leben ein.
Dieses Problem schließt sich oft an das Problem Nummer 2 an. Ich stecke gerade in einer Phase, in der ich am liebsten mein Konto für einen gewissen Zeitraum auf ein Abstellgleis stellen würde. Ich würde gerne versuchen eine Zeitspanne ohne meine „Verfolger“ auszukommen. Das Leben, das „wahre“ Leben, genießen und nicht ständig unter Zugzwang stehen zu müssen, wie in Problem 1 beschrieben. Doch ich kann nicht aufhören. Ich weiß nicht einmal wieso. Vielleicht sind mir all diese Leute, diese kleinen Bildchen, die Minute für Minute über ihr Leben berichten, so sehr an Herz gewachsen, vielleicht hat sich schon so etwas wie eine kleine, unscheinbare „Sucht“ entwickelt. Ich weiß es einfach nicht. Eines weiß ich aber mit Sicherheit: Die Leute von Twitter würden mir sehr fehlen, denn sie bringen mich zum Lachen, sie heitern mich auf, sie zeigen mir ihre Ansicht vom Leben und genau deswegen werde ich mich auch nicht aufraffen können, mein Konto zu löschen.

 
Problem Nummer 4:

Twitter erlaubt keine durchwegs schlechten Gefühle.
Wer kennt das nicht, es gibt Tage, Wochen, an denen kann man einfach nicht mehr, man weiß nicht mehr weiter, nach vorne oder zurück, man ist schon von den kleinsten Kleinigkeiten überfordert. Man hat Probleme, Schwierigkeiten in seinem persönlichen Umfeld, die einem schwer zu schaffen machen. Doch darüber schreiben, auf Twitter, das macht keiner. Denn zum einen möchte man nicht so viel von sich preisgeben, man möchte den lieben Menschen dort auf Twitter nicht seine negativen Gefühle zeigen, denn sie machen einen verwundbar in dieser offenherzigen Welt der zwitschernden Vögel. Zum anderen, kommen viele Leute, auf Twitter, nicht mit so negativ konnotierten Tweets klar. Die Welt der bunten Vögelchen ist eine fast durchweg positive Welt, in der fast ausschließlich rosa Flausch und Kekse das Sagen haben. Schreibt man einen Tweet, der diese Dinge nicht verherrlicht, verschwinden die „Follower“ erst langsam, dann immer schneller. Dieses Problem wurde mir schon von mehreren „gefühlsstarken“ Twitterern mitgeteilt und lässt auch mich oft stutzen, denn man doch nicht immer fröhlich, ausgelassen zwitschern. Das geht nicht.

 
Trotzdem ist Twitter für mich schon viel mehr geworden, als ein einfacher Mikrobloggingdienst. Twitter ist für mich ein kleines Tagebuch geworden. Ein Tagebuch, das einem wunderbare Feedbacks gibt. Ich habe hier Menschen kennengelernt, die mir unglaublich wichtig geworden sind. Das ist zum Glück nur eine sehr geringe, überschaubare Anzahl. Drei um genauer zu sein, die ich aber auch außerhalb von Twitter „treffen“ kann. Niemanden von diesen dreien kann ich regelmäßig im „normalen“ Leben treffen, aber ich kann sie wenigstens über Facebook, Email oder über ihr Handy erreichen. Vielleicht werde ich euch mal von ihnen erzählen, ihr würdet sie bestimmt mögen.

Twitter bringt also nicht nur Probleme mit sich, aber sollte man sich darin verlieren, so glaube ich, wird der Weg nach draußen schwer werden. Ich, persönlich, werde versuchen, meinen Blick immer auf den Horizont, auf das Ende der Straße zu richten, um nicht von dieser abzukommen. Ich werde auch rausgehen, in die Welt, frische, lebendige Luft schnuppern, das Leben genießen und meine Freunde und meine Familie einladen, dies gemeinsam mit mir zu tun. Frei sein wie ein Vogeln, von Zeit zu Zeit zwitschern, aber sich selbst niemals in dessen wundervollen Klang zu verlieren.

 

Eure Sandra.

 

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