Heute melde ich mich kurz bei Euch, bevor ich euren Augen erlaube über meine geschriebenen Worte zu huschen.

Normalerweise haben meine Geschichten ein offenes Ende. Ein Ende, bei dem sich der Leser selbst einen für ihn passenden Schluss aussuchen, sich selbst Gedanken machen und mit den Charakteren mitfühlen kann.

Heute habe ich eine Kurzgeschichte für Euch, die anders ist. Diese Veränderung liegt teilweise auch in mir und den Geschehnissen, die mich in den letzten Wochen beeinflusst haben.

Das ist auch  der Grund, wieso ich diese Geschichte drei liebenswürdigen Menschen widmen möchte.

Die Widmung geht an:

Rainer, der mir neuen Mut zusprach, auch wenn er nicht wusste, dass das nötig war und der mich inspirierte. Auf seine ganz besondere, wundervolle Art,

Helmut, der aus dem Hintergrund mitwirkte und deshalb nicht weniger im Vordergrund zu stehen hat und den ich unbedingt noch treffen muss und

Frank, dessen blaue Doppeljacke ich mir für die folgenden Zeilen borgte. Er wird mir das verzeihen und hoffentlich schmunzeln.

Danke euch allen drei.

Die ersten Schneeflocken dieses Jahres fielen schwerelos auf den feuchten Asphalt.

Ein Schritt. Noch ein Schritt.

Der eisige Wind spielte mit ihren roten Locken, die sich einen Weg aus der schwarzen Wollmütze gestohlen hatten. Langsam bahnte sich Pia einen Weg durch die hektische Menschenmenge. Gesichter schoben sich in ihr Blickfeld und verschwanden wieder.

Ein blonder kleiner Junge zog an der Hand seiner Mutter. Dabei schaute er ganz unbekümmert in das Gesicht von Pia. Und begann zu lächeln.

Sie wandte den Kopf, schaute ihm hinterher.

„Dreh dich. Dreh den Moment um mit mir.“

Eine einzelne Liedzeile schlich sich in ihren Kopf.

Sie schüttelte sich und lächelte den Jungen an. Er zwinkerte ihr zu und fuhr sich durch seine blonden Haare, sodass ihm einzelne Schneeflocken ins Gesicht rieselten. Er quiekte vergnügt auf und zerrte seine Mutter weiter, aus Pias Gesichtsfeld.

Der Bahnhof. Sie hatte diesen Treffpunkt nicht ohne Grund gewählt. Hunderte von Menschen hasten hier täglich vorbei, zogen Koffer, Taschen und Kinder hinter sich her und warfen kaum Blicke auf ihre Mitmenschen. Sie könnte hier schnell in der Menschenmasse untertauchen, sollte es nötig sein.

Aber sie trafen sich auch auf einem öffentlichen, einem neutralen Boden. So konnte niemand zu tief in die Privatsphäre des Anderen eindringen.

Als sie auf der Rolltreppe stand und nach oben, zu den Gleisen fuhr, genoss sie das stumme Stimmengewirr um sie herum.

Ihr Herz klopfte mit jedem Schritt, der sie näher an den vereinbarten Treffpunkt führte. Sie versuchte gleichmäßig zu atmen, versuchte ihr Herz zu beruhigen und in die Musik einzutauchen, die aus den Kopfhörern in ihren Ohren dröhnte.

So konnte sie sich sonst immer beruhigen, auch wenn die Musik ganz leise war. Vor ihrer Abiturprüfung hatte sie sich die Aufregung auf diese Weise vertrieben, nach ihrem ersten Kuss hatte sie ihre Gedanken an einzelne Liedzeilen gebunden und sie aus ihrem Kopf verbannt. Doch heute sollte ihr das nicht gelingen.

Gleis 19.

Regionalzug aus Ahrensfeld

Voraussichtliche Ankunft: 14.34 Uhr

 

„Keine Verspätung.“, murmelte sie. So wurde ihr auch die letzte Ausrede genommen.

Dieses Treffen bedeutete, dass sie den nächsten Schritt auf ihn zu machte. Einen weiteren Schritt in die Zukunft, vor der sie sich fürchtete.

Sie sah auf ihre Armbanduhr. Noch 7 Minuten. 7 Minuten, die sie noch genießen konnte. Was dann kam, lag im Verborgenen.

„Ob er wohl weiß, was er zu mir sagen soll, wenn er mich sieht?

Was soll ich sagen? Soll ich ihn zur Begrüßung umarmen, ihm einen Kuss auf die Wange hauchen?“

Pia setzte sich auf die kalten Wartesitze. Erst jetzt bemerkte sie, wie sehr ihre Beine zitterten. Ob vor Kälte oder Aufregung und Ungewissheit.

Noch immer 5 Minuten. Die Zeit schien nicht zu vergehen.

In welchem Zugabteil er wohl saß? Sie hatte sich ganz an das Ende des Gleises gesetzt, damit er nicht an ihr vorbeifuhr und sie sich erst sahen, wenn er einen Fuß auf den Bahnsteig setzte.

„Vorsicht auf Gleis 19. Der Zug aus Ahrensfeld fährt ein. Dies ist ein Regionalzug. Der Zug endet hier.“

Die Durchsage ließ Pia zusammen zucken. Ihr Herz begann noch ein bisschen schneller zu schlagen. Sie stand auf und rieb ihre kalten Hände aneinander.

Da fuhr auch schon der Zug ein. Ein Schnauben, ein leises Ruckeln. Das Quietschen der Bremsen und dann der Stillstand.

Mit einem zögerlichen Zischen öffneten die Türen und Menschen, Frauen, Männer, Jugendliche drängten nach draußen.

Wie sollte sie ihn nur in diesem Durcheinander erkennen. Langsam lief sie den Zug entlang.

Er war groß, das wusste sie. Also musste er ihr doch gleich in die Augen fallen.

Am liebsten trug er blau. Blaue Jacken, blaue Pullover und blaue T-Shirts. Ob er wohl wusste, dass das seine stahlblauen Augen noch mehr unterstrich und zum Strahlen brachte?

Suchend sah sie sich um.

Da ein Kopf, seine Haare. Ein blaues Aufblitzen.

Tatsächlich, er hatte seine azurblaue Doppeljacke an. Pia musste lächeln.

Und so sah er sie. Lächelnd unter ihrer schwarzen Mütze versteckt, die ihre roten Locken zum Leuchten brachte. Und auch er musste lächeln.

Sie war ganz anders, als er sie sich vorgestellt hatte.

Langsam machte auch er ein paar Schritte auf sie zu.

Sie schien so zerbrechlich. Er würde sie eng an sich ziehen und sie warm halten. Wieso hatte er nur gedacht, sie sei selbstbewusst? Plötzlich schien ihm dieser Gedanke völlig absurd.

„Und aus Einsamkeit wird Zweisamkeit. Du entscheidest dich für mich, dabei liegt noch so viel vor dir. So viel Neues. So viel Unentdecktes. Trotzdem willst du mich.“

Satzfetzen aus dem letzten Roman, den er während der Zugfahrt gelesen hatte. Er verstand sie nun.

Was sie wohl dachte? Ob sie sich ihn wohl auch ganz anders vorgestellt hatte?

Ein kleines Mädchen schob sich ihm in den Weg, sie hatte einen riesigen Blumenstrauß in den Händen, der fast so groß war, wie sie selbst. Sie drückte ihn so fest an sich, das einige Blumen mit kleinen weißen Blüten schon abknickten. Dabei stolperte sie auf einen Jungen mit braunen Wuschelkopf zu, der ihr wie aus dem Gesicht geschnitten war. Ihr Bruder.

Er bemerkte, dass das Mädchen eine dieser weißen Blüten fallengelassen hatte. Er beugte sich nach unten und hob sie auf, rettete sie vor den trampelnden Füßen, drehte sie zwischen den Fingern.

Ihm war egal, ob das kitschig aussah, wenn er Pia diese Blume überreichte, aber wusste nicht, was er sonst mit ihr machen sollte. Sie passte so gut zu ihr. Und er kam sich nicht mehr so hilflos vor.

Da stand sie auch schon vor ihm. Ihr Blick war zaghaft und irritiert blickte sie auf seine behandschuhten Hände.

Sie war groß. Er wusste, dass sie größer sein würde als die meisten anderen Mädchen, aber sie reichte ihm bis an Kinn. Und trotzdem wirkte sie nicht so groß. Würde man sie auf einem Bild sehen, würde man sie jünger und kleiner einschätzen.

Mit einem Lächeln überreichte er ihr die weiße Blüte und schummelte ein „Hey Pia.“ zwischen seinen Lippen hervor.

Sie nahm die Blume aus seiner Hand und er sah, dass sie keine Handschuhe trug und ihm sanft und wie zufällig über die Handfläche strich. Er schimpfte mit sich, weil er seine Handschuhe angelassen hatte und ihre Berührung so nur durch den harten Stoff fühlen konnte.

„Vielen … vielen Dank.“ Ihre Stimme klang kratzig, das konnte aber auch an der Kälte liegen. Sie räusperte sich und ein Schmunzeln legte sich auf ihre Lippen.

„Ich bin furchtbar nervös. Du bist genauso, wie ich mir dich vorgestellt habe.“ Jetzt klang ihr Stimme sanft und trotzdem neckisch. Sie beugte sich nach vorne und schlang einen Arm um ihn.

Er war überrascht, zog sie aber näher zu sich und atmete einen tiefen Atemzug ein.

Als er sie wieder losließ, spürte er ihr Lächeln, noch bevor er es sah.

„Was mache ich denn nun mit der Blume?“

Sie sah ihn mit großen Augen an und er bemerkte, dass er nicht sagen konnte, was sie für eine Farbe hatten. Grün, aber doch auch ein bisschen Grau und Graublau. Der Rand der Iris war grünbraun und ließ die Augen tiefer wirken.

„Nun, du kannst sie dir ja in das Knopfloch stecken.“, und er deutete auf ihren Mantelkragen. Zitternd zog er seine Handschuhe aus, nahm ihr die Blüte aus der Hand und steckte sie sanft in das oberste Knopfloch.

„Sieht das nicht albern aus?“

Er sah sie an und wollte etwas sagen. Er wollte sagen, dass es wunderschön aussah, dass er sie niemals albern finden könnte. Aber es schien, als könnte sie seine Antwort in seinen Augen ablesen und sie senkte ihren Kopf, nicht ohne, dass er bemerkte wie sich ihre Wangen vor Schüchternheit rot färbten.

Er musste lächeln. So oft hatte sie zu ihm gesagt, dass sie leicht errötete, aber er wollte das nicht glauben. Und jetzt sah er es. Und es schien, als würde nichts besser zu ihr passen.

„Na los, lass uns ein paar Schritte gehen.“, versuchte er die Situation zu retten.

„Zusammen.“, murmelte sie und fing so einen Spruch an, den sie beide immer wieder während ihrer Korrespondenz verwendet hatten.

Er sah auf und fügte noch das Ende des Spruchs hinzu: „Zusammen, in Richtung Zukunft.“

Sie lächelte und er sah ihre weißen Zähne aufblitzen. Doch auch ihre Augen begannen zu Lächeln, dann zog sie die Nase leicht kraus und begann zu kichern.

Er musste einstimmen, denn das Kichern berührte ihn tief in seinem Inneren.

Zärtlich schob er seine warme Hand in ihre Kalte und zog sie vorwärts.

Dass er seine Handschuhe am Bahnsteig zurückgelassen hatte, bemerkte er erst, als sie schon lange gemeinsam in der Menschenmasse untergetaucht waren.

Aus der Gedankensammlung von Sandra

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