Ich sehe dich. Sehe die Lichter, die um dich tanzen, ein Schimmer. Ein dunkler Schimmer.

Plötzlich ein Haus. Es steht am Ende einer langen Straße. Düstere Fichten im Hintergrund. Ich kneife meine Augen zusammen. Möchte erkennen.

Alles bleibt hinter einem Schleier. Es fühlt sich an, als würde mich eine unsichtbare Hand von dem Haus wegziehen, genau in dem Moment, als sich ein Gedanke in meinem Kopf einnistet: Du bist dort. In diesem Haus.

Ich schreie auf, möchte zurück. Zurück zu dir. Ich beginne zu schweben, wie schwerelos wegzugleiten, von deiner Wärme.

Da beginnt das Haus, eine Holzhütte, lichterloh zu brennen. Ich warte auf Schreie, auf ein Lebenszeichen. Irgendeinen Ton. Ein Knistern, Holzknacken. Doch die Stille erreicht schmerzhaft meine Ohren. Du bist dort. Dir wird etwas passieren.

ICH WILL DIR HELFEN.

Doch ich bleibe stumm.

Ein verzweifelter Schrei, der nie meine Lippen verlasse wird.

Ein verzweifelter Schrei, der sich schon lange einen Weg nach draußen hatte bahnen wollen.

Stille.

 

Sie wacht auf. Atmet ein. Atmet aus. Zählt ihre Herzschläge.

Ein Alptraum? Ein schlimmes Vorzeichen? Es fühlt sich nicht schlimm an. Kein Stechen in der Brust, kein schlechter Nachgeschmack in der Mundhöhle.

Ein leichter Schock. Sie versucht zu begreifen. Lässt sich noch einem in ihren Traum gleiten und die Ereignisse vorbeiziehen.

Kein Entsetzten.

Nur eine Frage: Geht es ihm gut? Sie greift nach ihrem Handy. Es lag die ganze Nacht unter ihrem Kissen, in der Hoffnung, er würde ihr schreiben. Leicht setzt sie ihre zittrigen Finger auf das Display und schiebt die Tastatursperreinrichtung auf die Seite.

„Eine Neue Nachricht!“

Sie schmunzelt, tippt auf den kleinen lächelnden grünen Briefumschlag.

„Na, alles gut? So ganz ohne mich?“, schreibt er.

Schnell ist eine Antwort getippt, die Uhrzeit ist egal. War sie schon immer. Wen kümmern Zahlen, Stunden, Minuten?

Sie haben sich. Auf ihre seltsame Art.

 

Der Traum hat sie angestupst. Hat ihre Gedanken in seine Richtung gestupst.

Er hat ihr klar gemacht, dass da mehr ist. Mehr Vertrauen, mehr Vertrautheit.

Sie will nicht, dass ihm etwas passiert, dass er unglücklich ist. Sie möchte, dass er zufrieden ist, dass er lacht. Und dabei ist dieser Satz so abgegriffen. Schon so verbraucht.

Für ihn poliert sie die einzelnen Worte, bringt sie zum glänzen.

Sie weiß nicht, ob sie das sein will, die ihn glücklich macht. Manchmal gibt es Momente, da kann sie sich nichts Schöneres vorstellen. Und dann zweifelt sie wieder. Aber das ist ok. Auch Zweifel gehören zu ihrer beider Geschichte. Schon von Anfang an.

Ob es Liebe ist, wird sich zeigen. Sie hat es satt immer nur die zu sein, die er liebevoll seine Schwester nennt. Das war sie schon früher. Immer nur der Kumpeltyp, der Bruder-Schwester-Liebe-Typ, die Kleine, die man schützen muss, vor der harten Welt. Vor den miesen Jungen.

Jetzt möchte sie vorne stehen, in der ersten Reihe. Möchte jubeln, klatschen und feiern. Die Liebe finden, vielleicht in seinen Armen und sich davon treiben lassen. Vielleicht zu einer Holzhütte, am Ende einer langen Straße. Und dort bei ihm sein.

Und Worte von ihm hören, die zeigen, dass sie mehr ist. Mehr ist, für ihn. Für den, der ihr versprach auf sie aufzupassen, wie ein großer Bruder.

 

Aus der Gedankensammlung von Sandra

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