Am Samstag waren wir im Wells Gray Provincial Park – „Kanada, wie man es sich vorstellt“ – unterwegs. Die Natur ist völlig unberührt, Touristen sind praktisch nicht zu sehen, die Natur, die Tiere, die Pflanzenwelt, ist sich quasi selbst überlassen. Nach dem Parkeintritt war die Straße noch ca. 10 km asphaltiert, dann ging es auf einer staubigen, steilen Schotterpiste noch 28 km weiter bis zum Parkplatz „Ray Farm“.

Wir begegneten bis dorthin nur 4 Fahrzeugen, auf dem Parkplatz waren wir die einzigen Gäste. Die Wanderung zur und um die Ray-Farm herum war uns als „must do“ empfohlen worden, allerdings mit dem Hinweis: „A lot of wild animals, especially bears live here. Don’t walk alone, the group has to be four persons or more. Make a lot of noise to avoid the bears.” So liefen wir also laut klatschend und sprechend los.

Die Wanderung zur Ray Farm war ein einzigartiges Erlebnis. Zu wissen, dass hier in absoluter Einöde (fast 55 km zur nächsten Ansiedlung) ein Farmer zusammen mit seiner Familie Land erschlossen und urbar gemacht hat, Kinder aufgezogen und fast 13 Jahre in totaler Abgeschiedenheit gelebt hat, beeindruckt.

Die Ray Farm ist eines der wenigen Beispiele der Pionier-Geschichte des Wells Gray Park.Ein kleiner Pfad führt weg von der Schotterpiste des Parks hinein in unberührte Waldlandschaft, öffnet dann den Blick auf eine große, gerodete Fläche innerhalb der Wildnis, inmitten derer eine blubbernde Quelle entspringt. Diese ist eine kalte Mineralquelle, die den Boden des gesamten Umkreises rot verfärbt.

Zur Geschichte der Farm:

John Bunyan Ray wurde am 8. Juli 1878 in Pensacola, North Carolina, geboren. Er erlernte autodidaktisch Lesen und Schreiben und reiste bereits in seiner Jugend intensiv durch das Land. Aufgrund eines beidseitigen Beinbruches in seiner Kindheit fühlte er sich barfuß am wohlsten – er trug Schuhe nur im Winter oder bei offiziellen Anlässen. Im Jahr 1908 zog die Familie nach British Columbia.

Ab dem Jahr 1909 lebte John allein oder mit einem Freund als Trapper am Fraser River inmitten der Wildnis, weit weg von jeglicher Zivilisation.Im Winter des Jahres 1909/1910 kam er in Kontakt mit den Canim Lake Indianern. Durch Tipps seinerseits, wie eine Krankheitswelle im Indianervolk einzudämmen sei, erhielt John vom Stammeshäuptling die Erlaubnis, auf dem Gebiet des Volkes am Clearwater River zu jagen.

Im Sommer 1911 baute John eine kleine Blockhütte mit nur einem Raum am Alice Lake in der Nähe der Horseshoe-Fälle. Dort lebte er für die nächsten 21 Jahre alleine, bis er um das Jahr 1929 herum Ackerland in der Nähe erwarb und sich eine größere Bleibe baute.

Er rodete den dichten Wald mit Hilfe einfachster Maschinen: ein Handpflug, um die Erde aufzubrechen und eine eiserne Egge. Er säte mit der Hand, für die Ernte standen ihm eine Schneidemaschine und ein Pferd zur Verfügung.

Am 26. September 1932 heiratete er mit 54 Jahren die erst 20-jährige Alice Ludtke, Tochter einer Familie, die in seiner Nähe (ca. 35 km entfernt) siedelte. Zusammen  mit ihr lebte er die nächsten 13 Jahre auf der „Horseshoe-Farm“ (Ray-Farm). Die drei Kinder Nancy (1936), Doug (1937) und Bob (1939) wurden in Kamloops geboren, die schwangere Alice nahm die einwöchige Reise mit Pferd und Eisenbahn dorthin in Kauf – eine hohe Belastung!

Am Ende der 1930er Jahre hatte die Familie einen großen Bereich des Waldes gerodet: sie besaßen 20 acres Wiesen, 15 acres Ackerland und ½ acre Gemüsefelder. Ein kleiner Garten hinter dem Haus beinhaltete Obstbäume, Spargelbeete und Beeren, ein zweiter größerer Garten viele Obstbäume und Beerensträucher, dazu Wurzelgemüse (Kartoffeln, Karotten, …). Ziegen lieferten Milch und eine Herde von bis zu 60 Schafen sorgte für Wolle und Fleisch, einige von ihnen wurden auch in Clearwater zur Geldgewinnung verkauft. 12 Pferde halfen John bei der täglichen Arbeit und beim Transport von Gütern. Die Reise nach Clearwater, dem nächsten Ort, dauerte zwei bis drei Tage und konnte nur zwischen April und September stattfinden, in den langen Wintermonaten war dies nicht mehr möglich.

Alice fertigte den Großteil der Kleidung der Familie selbst an: sie spann die Schafwolle und verarbeitete sie mit Spinnrad und Webstuhl. Zucker war auf 45 kg im Jahr beschränkt, die Familie behalf sich mit der Eigenerzeugung von Ahornsirup u.a.

Das nächstgelegene Wohnhaus zur Ray-Farm hin war das von Mike Majerus – 16 km entfernt. Alice vermisste das soziale Leben und den Austausch mit anderen Frauen sehr, so dass ihr Haus stets für Besucher und Trapper im Tal offen stand. John war sehr religiös, tägliche Bibellesungen mit der Familie waren selbstverständlich.

Im Herbst 1940 zog die Familie in ein größeres Blockhaus um, das bisherige Wohnhaus diente von da ab als Lagerraum. Das neue Haus bestand aus vier Räumen mit einem sehr großen Keller. Die Kinder schliefen im nördlichen Raum, die Eltern in der südlichen Ecke und der große Wohnraum, in dem Alices Webstuhl stand, nahm den größten mittleren Bereich des Hauses ein. Der Esstisch stand vor dem großen Fenster. Ein großer, eiserner Ofen mit 225 kg stand gegenüber dem Kamin, eine unterirdische Wasserleitung führte zum Waschbecken neben der Tür und funktionierte bis ins Jahr 1980 hinein.

1946 zog Alice mit ihren Kindern nach Blackpool, südlich von Clearwater, in das North Thompson Valley. Grund war der gesundheitliche Zustand ihres Mannes, der bis dahin schon zwei Herzinfarkte erlitten hatte. Alice hatte Angst, den kommenden Winter im Falle einer Krankheit Johns in der Einöde nicht zu überleben. John folgte im Frühjahr 1947 nach.

Im Herbst 1947 ging er zur Farm zurück, um die dort verbliebenen Pferde und Habseligkeiten der Familie zu holen. Als er jedoch zu Weihnachten noch nicht zurück gekommen war, suchten ihn Bekannte und fanden in – verstorben an einem dritten Herzinfarkt – tot im Stall. Sie begruben ihn nördlich des Wohnhauses.

Alice verkaufte die Farm an die B.C. Parks im Jahr 1952. Als sie 1957 starb, wurde ihre Asche neben der ihres Mannes beigesetzt.

Aufgrund von Vandalismus und Schneebruch steht auf der Ray Farm nur noch das alte Wohnhaus, das neue, 1940 erbaute Blockhaus liegt als Ruine da, die Lagerräume sind nur anhand der verbliebenen Fundamente zu erkennen.

Auf alten Bildern sieht man die große Weite der gerodeten Felder, in der heutigen Zeit dringt der dichte Bewuchs langsam wieder durch.

Unsere Wanderung führte an der Farm vorbei durch den dichten Wald zum Ursprung der Mineralquelle. Über einen kleinen überwucherten Pfad erreichten wir den wunderschönen Alice Lake, folgen diesem am Ufer entlang und gelangten nach 6 km wieder an unseren Parkplatz.

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