Hallo meine Lieben,

heute habe ich ein Märchen für Euch. Dieses habe ich von meiner lieben Birgit erhalten und möchte es auch Euch zeigen, da es viele Wahrheiten enthält. Lasst es einfach auf Euch wirken.

Ich wünsche Euch einen schönen Sonntag.

Eure Karina

 ♥♥♥

Die Stimme der Seele

Ein Märchen von Hans Kruppa

Als Amiro spürte, dass seine Seele in der nächsten Nacht seinen Körper verlassen würde, bat er seine Enkeltochter Sumila, seinen vier besten Freunden zu sagen, dass der Tag des Abschieds gekommen sei.
Sumila, die ihren Großvater in den letzten Wochen seiner schwindenden Lebenskraft zärtlich umsorgt und gepflegt hatte, brach nach seinen Worten in Tränen aus, denn sie liebte ihn über alles.
Eine mächtige Welle der Traurigkeit überspülte ihr Herz und riss alle Zuversicht mit sich fort, die sie wie einen Schatz gehütet hatte. Immer aufs Neue hatte sie gehofft, dass Amiro wieder von seiner Krankheit genesen und noch eine Weile, und sei es nur für ein Jahr, bei ihr bleiben würde. Doch jetzt empfand sie nichts als tiefe Trauer und Verzweiflung, und eine trostlose Finsternis breitete sich in ihrer Seele aus.

Amiro winkte sie zu sich ans Bett heran, strich ihr sanft über das Haar und sagte: „Weine nicht, Sumila. Freue dich mit mir, dass meine Seele endlich die Last dieses müden, alten Körpers abwerfen kann, um in das Reich aufzusteigen, das ihre wahre Heimat ist. Ein Reich, gegen das alle Schönheiten dieser Welt sich ausnehmen wie Kerzenlichter im Sonnenschein. Ein Reich, wo Liebe und Frieden herrschen und wo ein Zauber auf mich wartet, von dem sich der Verstand keine Vorstellung machen kann. Heute Nacht werde ich das Ziel meiner lebenslangen Sehnsucht erreichen. Also bitte weine nicht mehr, mein Mädchen. Freue dich mit mir.“

Als Sumila durch den Schleier ihrer Tränen ihrem Großvater in die Augen sah und dort nichts als Erleichterung und Frieden entdeckte, zog sich die Traurigkeit nach und nach aus ihrem Herzen zurück. Und eine Stimme, die aus der Tiefe ihrer Seele kam, versprach ihr, dass der Geist ihres Großvaters nach seinem körperlichen Tod in ihr weiterleben würde. Diese Worte gaben ihr Trost und eine unverhoffte Gelassenheit, und ihr gelang ein kleines Lächeln.

„Ja, Sumila, entlasse mich lächelnd in die Heimat der Seele. Bitte meine Freunde Morato, Yoala, Tero und Nanya, mir keine Geschenke zu machen, ich kann sie ohnehin nicht mitnehmen. Sag ihnen, sie sollen die größten Sorgen und Fragen mitbringen, die ihnen auf dem Herzen liegen. Ich möchte ihnen ein letztes Mal helfen, wie ich es immer getan habe, wenn sie einen Rat suchten. Sag ihnen, ich erwarte sie eine Stunde vor Sonnenuntergang.“
Sumila nickte, küßte Amiro auf die Stirn und machte sich auf den Weg.

„Ihr wisst“, sagte Amiro, als seine vier Freunde und Sumila an seinem Sterbebett saßen, „dass der Tod schon seit Wochen um mein Haus geht. Seine Schritte sind Tag für Tag näher gekommen. Gestern Nacht ist er mir in einem Traum erschienen und hat mir offenbart, dass er mich heute Nacht von meinem Körper befreien wird.“

Das lange Schweigen, das seinen Worten folgte, endete mit Teros Frage: „Wie sah er aus, der Tod?“

Amiro lächelte. „Er sah aus wie eine menschliche Gestalt aus dichtem Nebel. Er strahlte Frieden und vollkommene Stille aus. Ich empfand rückhaltloses Vertrauen zu ihm und spürte, dass er mich sanft und sicher ins Land der Seele bringen wird. Deshalb sollt ihr nicht traurig sein.“

Amiro ließ seinen Blick langsam über die Gesichter seiner Freunde gleiten.

„Das Schicksal hat mir in seiner manchmal bitteren Unergründlichkeit meine Frau und meinen Sohn genommen, aber es hat mir eine wunderbare Enkeltochter geschenkt, die ich über alle Maßen liebe. Und es hat mich zu euch geführt. Ihr wisst, wie schwer es ist, einen wirklichen Freund zu finden. Ich habe in euch gleich vier wahre Freunde gefunden und mich oft gefragt, womit ich dieses Glück verdient habe. Ihr seid mit den Jahren ein Teil meines Lebens geworden. Worte können meine Freude und Dankbarkeit nicht ausdrücken.“

Amiro schloss die Augen, als würde er tief in sich hineinhorchen, bevor er leise weitersprach:
Ich habe gelebt und bin nicht nur älter geworden, ich habe die Menschen geliebt, die es wert waren, und ich liebe sie immer noch. Ich habe die Dinge getan, die ich tun musste, habe meinen Weg erkannt und bin ihn gegangen. Mein Geist ist frei, mein Herz ist jung geblieben. Ich habe mich von der Freude beflügeln und vom Leid nicht entmutigen lassen, habe meinen Verstand entfaltet, bin aber immer dem Rat meiner Seele gefolgt, über die selbst der Tod keine Macht hat …..Heute ist der Tag gekommen, an dem wir vier Abschied nehmen müssen. Ich weiß, dass jeder von euch Sorgen und Fragen in seinem Herzen trägt, und ich möchte, dass ihr sie mir ein letztes Mal anvertraut. Ich war meiner Seele noch nie so nah wie heute, und wenn ich euch antworte, wird sie zu euch sprechen. Ihre Worte sollen meine Abschiedsgeschenk an euch sein.“

Yoala brach das erneute Schweigen, das nach Amiros Worten den Raum erfüllt hatte. „Amiro, was ist die Seele?“

„Die Seele des Menschen, Yoala, ist ein Garten, in dem viele Arten von Blumen wachsen wollen und wachsen müssen, damit das Leben nicht eintönig und beengt wird. Wenn du  deine Seele ernst nimmst, wirst du dich bemühen, sie in allen wesentlichen Bereichen zur Entfaltung, zur Blüte zu bringen. Denn wahrer Reichtum liegt in der Vielfalt.“

Yoala nickte. „Und was sind die wesentlichen  Bereiche des Lebens?“

„Lass mich fünf der wichtigsten nennen: Liebe, Freundschaft, Freude, Vertrauen und Weisheit.“

„Du hast die Liebe zuerst genannt“, ergriff Nanya das Wort. „Zweimal glaubte ich, sie gefunden zu haben, doch dann verlor ich sie, ohne zu wissen, ob es wirkliche Liebe gewesen war. Kannst du mir sagen, was Liebe ist?“

„Sie ist eine magische Kraft, die dich zu einem neuen, reicheren und besseren Menschen macht. Sie befreit dich aus dem Alltag und hebt dich ins Wunderbare, wo Traum und Wirklichkeit zu einem höheren Sinn verschmelzen, dessen Zauber dich mit unsagbarer Glückseligkeit erfüllt. Wer die Liebe nicht anbetet, hat noch nicht gelebt. Darum lass alles liegen und stehen und eile zur Tür, wenn sie anklopft.“

„Worin“, fragte Nanya, „liegt der Unterschied zwischen Liebe und Freundschaft?“

Amiro lächelte sanft. „Nanya, was ist Liebe wert, wen sie nicht auch Freundschaft ist? Und was ist Freundschaft wert, wenn sie nicht auch Liebe ist? Freundschaft ist eine Form der Liebe und Liebe eine Form der Freundschaft. Liebende, die sich nicht wie Freunde behandeln, spielen mit ihrer Liebe. Und Freunde, die sich lieblos behandeln, setzen ihre Freundschaft aufs Spiel. Dabei gibt es nichts Wertvolleres zwischen uns als die Liebe und Freundschaft.“

Nanya nickte lächelnd.

„Amiro, wo verbirgt sich das wahre Leben?“, wollte Tero wissen.

„In den Tiefen des Augenblicks, Tero. Jeder Augenblick, selbst der düsterste, hat eine Geheimtür, die ans Licht führt. Du findest sie nur, wenn du an sie glaubst. Du öffnest sie nur, wenn du an dich glaubst. Du gehst nur durch sie hindurch, wenn du an das Leben glaubst.
Umarme die Gegenwart!
Gehe ins Herz des Augenblicks! Und das Morgen wird zum Heute, das Irgendwo und Irgendwann wird zum Hier und Jetzt, das Wissen wird zur Weisheit.“

Morato hatte dem Gespräch bislang nur gelauscht, doch nun konnte er nicht umhin, Amiro eine Frage zu stellen, die ihm auf dem Herzen lag. „Mich quält manchmal das Gefühl, einen bestimmten Menschen, den ich schon lange suche, noch nicht gefunden zu haben. Ich weiß, dass ich ihn an seiner Kostbarkeit  erkennen werde. Doch wie erkenne ich seine Kostbarkeit?“

„Morato, du erkennst einen kostbaren Menschen daran, dass er sich ein reines Herz bewahrt und in allen Widrigkeiten und Enttäuschungen des Lebens nie sein inneres Kind im Stich gelassen hat.
Er kann mit großen Augen staunen, sich begeistern, überschwenglich sein; er kann das Leben feiern, lächelnd im Augenblick aufgehen und den beglückenden Zauber der Liebe ausstrahlen.
Er kann noch Wunder erleben, denn er hat seine seelische Unschuld nicht verloren, weil er von Anfang an gespürt hat, dass er damit sich selber verlieren würde.“

„Wenn ich einem solchen Menschen wirklich begegne, würde ich es kaum glauben können und mich vielleicht in Zweifeln verlieren.“

„Zweifle nicht, Morato! Wenn du das Glück hast, einem wertvollen Menschen zu begegnen, schrecke ihn nicht dadurch von dir ab, dass du eine Grenze zwischen ihm und dir ziehst, in welcher Hinsicht auch immer. Denn wer möchte schon eine Landschaft erkunden, wo ihn gleich bei den ersten Schritten ein Zaun darauf hinweist, dass er es mit jemandem zu tun hat, der Angst vor einer offenen Begegnung hat?
Sei mutig, sei grenzenlos, wenn dir der Mensch begegnet, den deine Seele sucht.

Und wieder entstand ein Schweigen im Raum, das den heiteren Gesang der Vögel in den Bäumen vor Amiros Haus durchs offene Fenster trug.

„Amiro“, bat Nanya schließlich, „kannst du mir sagen, warum ich immer wieder das bittere Gefühl habe, dass mein Leben mir nicht schenkt , was ich mir von Herzen wünsche, und dass alle Mühe, die ich mir gebe, um meine Sehnsüchte zu erfüllen, vergeblich ist?“

„Gib nicht auf, Nanya! Übe dich in Geduld. Das Leben weiß, was du für deine Entwicklung brauchst, und es wird dir die nötige Hilfe geben. Vielleicht nicht so schnell, wie du dir wünscht, vielleicht auch in ganz anderer Weise, als du dir vorstellst. Aber solange du deine Hoffnung nicht aufgibst, wird das Leben dich nicht aufgeben.“

„Ja – doch es ist schwer, die Hoffnung zu nähren, wenn man immer wieder enttäuscht wird.“

„Ich weiß, Nanya. Aber begegne den Enttäuschungen mit der weisen Kraft der Gelasenheit. Gib nie den Mut auf! Suche das versteckte Gute in dem scheinbar Schlechten. Findest du es, wird es dich ins Bessere führen.“

„Das klingt, als wäre es ganz einfach“, sagte Nanya. „Aber wenn man tagtäglich mit Menschen zu tun hat, die einen nicht verstehen, die einem nicht zuhören und immer nur über sich selbst reden und an sich selbst denken, ist es sehr schwierig.“

„Ich habe nicht behauptet, dass es einfach ist“, erwiderte Amiro. „Menschen haben Fehler, der eine hat mehr, der andere weniger. Vollkommen ist niemand. Aber wir können uns gegenseitig helfen, weniger unvollkommen zu werden, indem wir anderen das schenken, was wir uns von ihnen wünschen. Wenn wir verstanden werden wollen, müssen wir versuchen, zu verstehen. Suchen wir Geborgenheit, müssen wir Geborgenheit geben. Sehnen wir uns nach Nähe zu einem anderen Menschen, müssen wir uns ihm öffnen. Wollen wir, dass uns jemand gut zuhört, müssen wir verstehen, seinen Worten und dem Ungesagten zwischen seinen Worten zu lauschen. Und wenn wir nicht nur an uns selbst denken und über uns selbst reden, werden wir auch Menschen anziehen, die Besseres zu tun haben, als uns zum Spiegel ihrer Selbstverliebtheit herabzuwürdigen. Nur wer Glück verschenken will, lernt glückliche Menschen kennen. Wer mit seinem Herzen geizt, wird engherzige, unglückliche Menschen treffen.“

Nanya nickte versonnen und ließ Amiros Worte tief in ihr Inneres sinken.

„Warum sind so viele Menschen unglücklich?“ fragte Yoala.

„Das kann viele Gründe haben. Einer der häufigsten liegt darin, dass sie nicht so leben, wie sie leben sollten.
Jeder Mensch ist einzigartig und hat einen einzigartigen Lebensweg. Doch wenn er diesen Weg nicht geht, sondern aus Unsicherheit, Angst oder Bequemlichkeit in die Fußstapfen anderer tritt, wird er unglücklich. Unglück ist oft nur ein anderes Wort für das Verfehlen des eigenen Lebenssinnes. Sei so, wie du gemeint bist, lass dich nicht verbiegen, bleib deiner Seele treu – und das Glück wird dein Freund sein!“

„Woran erkennt man glückliche und unglückliche Menschen? Viele verbergen ihr Unglück aus Scham; und manche verstecken ihr Glück, um es vor Neid und Missgunst zu schützen“, sagte Yoala.

„Man kann sie leicht voneinander unterscheiden“, antwortete Amiro. „Unglückliche fordern, Glückliche schenken. Unglückliche wollen besitzen, Glückliche möchten lieben. Unglückliche wollen bestimmen, Glückliche lassen dem Leben seinen Lauf. Unglückliche wollen Sicherheit, Glückliche suchen das Leben. Unglückliche laufen der Zeit hinterher, Glückliche gehen mit ihr Hand in Hand.“

Yoala nickte lächelnd. „Wie kommt es nur, Amiro, dass ich immer wieder das Gefühl habe, dass das Leben selbst durch deinen Mund zu mir spricht?“

Amiro zuckte mit den Achseln. „Ich weiß es nicht, Yoala. vielleicht, weil ich nie den Glauben an das Leben verloren habe, obwohl ich gute Gründe dafür gehabt hätte. Vielleicht, weil ich das Leben immer geliebt habe, trotz aller Schicksalsschläge, die ich hinnehmen musste. Und wer muss sie nicht hinnehmen? Jeder Mensch wird vom Leben geschlagen, manchmal auch getreten, aber er darf nie vergessen, dass er auch vom Leben umarmt und geküsst wurde – oder noch werden kann. Solange du an das Leben glaubst, ist alles möglich.“

„Die Menschen, die ich kenne, sind so unterschiedlich“, ergriff Tero nach einer Weile gemeinsamen Schweigens erneut das Wort. „Manche wirken gleichgültig, andere sind ängstlich. Manche sind so ernst, als hätten sie das Lachen verlernt, andere wirken so bedrückt, als würden sie das Gewicht der ganzen Welt auf ihren Schultern tragen. Manche erscheinen mir so hilflos, so mutlos, andere bringen mich mit ihren Lügen zur Verzweiflung. Wie kann ich ihnen allen nur gerecht werden?“

„Sei freundlich zu den Gleichgültigen, und du wirst sehen, dass deine Freundlichkeit sie ansteckt. Sei herzlich zu den Ängstlichen, und du wirst merken, dass deine Herzlichkeit ihnen Mut macht. Gehe fröhlich mit den allzu Ernsten um, und du wirst feststellen, dass deine Fröhlichkeit sie aufheitert. Schenke den bedrückten Zuversicht, und du wirst spüren, dass ihr Gemüt sich aufhellt. Hilf den Hilflosen, ermutige die Mutlosen und versuche, die Lügner zu verstehen, bevor du sie verurteilst.“

Tero nickte. „Ich will mein Bestes geben, aber ich frage mich, ob meine Kräfte ausreichen werden.“

„Sie werden ausreichen, wenn du sie nicht vergeudest. Gib den Menschen nicht mehr, als sie verdienen. Sei geduldig, aber nicht zu denen, die deine Geduld nur ausnutzen. Sei großzügig, aber nicht zu denen, die deine Großherzigkeit mit Geiz erwidern. Offenbare deine Gefühle, aber nicht jenen, die bloß mit ihnen spielen.
Gieße das Wasser deines Lebens nicht in Fässer ohne Boden. Gieße es auf die Erde, in der die Blumen des Herzens wachsen.“

Nun wandte Morato, der Jüngste in der Runde, sich erneut an Amiro: „Wie kann ich mein zukünftiges Leben möglichst sinnvoll gestalten?“

„Entfalte deine Begabungen und Tugenden und vermindere deine Mängel und Schwächen“, empfahl Amiro ihm. „Werde von Jahr zu Jahr ein immer besserer Mensch, und du wirst immer besseren Menschen begegnen. Gib mehr Gutes, und du wirst mehr Gutes empfangen. Schenke mehr Freude, und du wirst mehr Freude erleben. Sie ist eine Kraft, die sich vermehrt, wenn man sie verschwendet. Das Leben ist kurz, Morato, auch wenn es dir noch nicht bewusst sein mag. Und wie viel kostbare Zeit und Kraft gehen verloren durch die Anhäufung hohler Gespräche, überflüssigen Wissens, sinnloser Kämpfe und vergeblicher Mühe! Doch es ist nie zu spät, sich der Kostbarkeit seiner verbleibenden Lebenszeit bewusst zu werden, sie sinnvoller, reichhaltiger zu gestalten und mit guten Gesprächen, schönen Empfindungen und wertvollen Begegnungen zu füllen. Je mehr Raum du dem Lebenswerten in dir gibst, desto weniger Macht haben die Kräfte, die dich verführen, deine Zeit zu vergeuden.“

In diesem Moment strahlte das Licht der untergehenden Sonne einen ganz besonderen Frieden aus und erfüllte den Raum.

„Seid wie die Sonne!“ riet Amiro seinen Freunden. „Gebt den Menschen Licht und Wärme, schenkt ihnen Vertrauen und Liebe. Seid euer eigenes Licht.
Und versucht, euer Licht in das Leben anderer Menschen zu bringen. Gebt ihnen das, was ihr gern von ihnen empfangen möchtet.“

Nanya runzelte die Stirn. „Ich möchte ja vertrauen und lieben, aber ich bin schon so bitter enttäuscht worden, dass ich nicht weiß, ob ich mich noch einmal wirklich öffnen kann.“

„Nanya, wir sind alle gebrannte Kinder. Wir alle wurden schon enttäuscht und verletzt. Viele werden deshalb ängstlich und verschließen sich. Doch das ist falsch, denn dem Verängstigten und Verschlossenen begegnet nichts mehr, was ihm helfen  kann. Sein Herz ist umzäunt, seine Seele eingemauert. Er läuft Gefahr, innerlich abzusterben. Deshalb kommt es darauf an, offen und lebendig zu bleiben und die Hoffnung nicht zu verlieren. Sei immer darauf gefasst, einem Menschen zu begegnen, der dir so viel Gutes gibt, dass er dich damit für all deine Enttäuschungen entschädigt.“

„Aber es ist schwer zu hoffen, wenn Zweifel und Ängste die Seele verdunkeln.“

„Ja, Nanya, es ist schwer, aber nicht unmöglich. Siehst du nicht die versteckte Sehnsucht in den Augen der Menschen, ihren Hunger nach Liebe, nach Freundschaft, nach Zärtlichkeit und Nähe? Diesen Hunger teilen wir alle miteinander. Doch die Nahrung, die ihn stillen könnte, enthalten wir uns vor, denn wir fürchten, verletzt zu werden, wenn wir uns füreinander öffnen, um uns zu geben, was wir so dringend brauchen. Doch wenn unser Leben reicher und schöner werden soll, müssen wir unsere Zweifel und Ängste überwinden und mehr Offenheit wagen.“

„Ja“, sagte Nanya, „ich spüre, dass du recht hast – und werde mir deine Worte zu Herzen nehmen.“

Daraufhin wandte sich Morato ein weiteres Mal an Amiro: „Wem soll ich bei wesentlichen Entscheidungen mehr vertrauen, meiner Eingebung oder meinem Verstand?“

Wie alle vorherigen Antworten kam auch diesmal Amiros Rat ohne Zögern: „Vertraue deiner Eingebung, nicht deinem Verstand, wenn es um wesentliche Entscheidungen geht. Deine Eingebung ist deine innere Führerin, die am besten weiß, was für dich gut und schlecht ist, woran du festhalten und was du aufgeben solltest. Ihre Stimme hörst du nicht im Alltagslärm, denn sie ist von Natur aus leise. Darum ziehe dich an einen stillen Ort zurück, wenn du ihren Rat suchst. Und zweifle nie an dem, was sie dir sagt, sonst zweifelst du an deiner eigenen Seele.“

„Und wann soll ich meinen Verstand gebrauchen?“

„Benutze deinen Verstand in den Dingen des alltäglichen Lebens, Morato, aber lasse dich nie von ihm benutzen. Er ist ein guter Diener, der gern ein schlechter Meister sein möchte. Folge seinen Ratschlägen in den Lebenslagen, die er verstehen kann. Aber höre nicht auf ihn, wenn er sich in Bereiche einmischt, die ihm wesensfremd sind – Bereiche des Herzens und der Seele. Erwarte von ihm keine verlässlichen Antworten auf die tiefsten Fragen des Lebens. Er wird dir vorgaukeln, dass er den Weg weiß, aber er tappt im Dunkeln und wird dich in die Irre führen.“

„Eine letzte Frage habe ich noch an dich“, sagte Tero zu Amiro. „Ist es wichtig, sich ein Ziel in seinem Leben zu setzen und es geradlinig zu verfolgen, oder ist die Reise das eigentliche Ziel?“

Amiro lächelte. „Tero, welchen Sinn hat es, mit starr nach vorn gerichtetem Blick durch die Landschaften des Lebens zu gehen, immer ein Ziel vor Augen, das es auf kürzestem Weg zu erreichen gilt, und dabei Blumen zu zertreten, ohne es zu merken? Wenn du das Leben wirklich erkennen willst, schaue immer nach links und rechts, nach oben und unten. Bleibe auch öfter stehen, um einen schönen Augenblick oder Anblick mit allen Sinnen zu genießen. Lass dich von deinen Eingebungen und Stimmungen führen und achte nicht auf die Geradlinigkeit deiner Schritte. Versuche einfach, deinen Weg dem Fluss des Lebens anzupassen. Solange du dir selbst nahe bleibst, wirst du dich nicht verirren. Ja, das möchte ich euch allen ans Herz legen: Bleibt euch selbst nahe, verliert nie die Verbindung zu eurem inneren Licht, das den dunkelsten Stunden ihren Schrecken nimmt.“

„Die Stunden, die ich mit dir verbracht habe, gehören für mich zu den wertvollsten meines Lebens“, sagte Yoala und sprach damit allen im Raum aus der Seele. „Du warst für mich immer ein leuchtendes Vorbild, ein Licht in der Finsternis dieser Welt, du warst ein Freund, wie ihn sich jeder Suchende wünscht. Du hast die Weisheit nicht nur geliebt, du hast sie auch gelebt. Wenn du nun auf die Erfahrungen und Einsichten deines Lebens zurückblickst, was erscheint dir als deine wertvollste, deine wichtigste Erkenntnis?“

„Du hast sie gerade benannt, Yoala! Es genügt nicht, die Weisheit zu lieben, du musst sie auch leben, sonst ist sie wie ein Saatkorn, das nicht in die Erde gelegt wird, sonst schläft sie in dir als bloße Möglichkeit und kann nicht zu ihrer Blüte erwachen.
Ihr müsst leben, was ihr erkannt habt.
Ihr müsst sein, was ihr verstanden habt.
Lasst eure Seelen sprechen, wenn ihr redet und wenn ihr schweigt.
Nur so könnt ihr euch zum Licht bewegen, nur so könnt ihr andere Menschen bewegen und ihnen helfen, ihr Leben seinem höchsten Sinn zu widmen.“

Yoala kämpfte mit den Tränen. „Amiro, du hast uns allen immer so viel geschenkt, und wir konnten dir so wenig dafür geben, obwohl wir es so gern gekonnt hätten. Und selbst jetzt, in deinen letzten Stunden, schenkst du uns so viel Wertvolles, ohne an dich zu denken. Wie oft hat deine Selbstlosigkeit uns beschämt! Können wir dir nicht etwas geben, was dir auf dem Weg in die Heimat deiner Seele eine gute Begleitung sein kann?“

Amiro nickte sanft: „Ja, das könnt ihr. Macht bitte nicht so traurige Gesichter! Schenkt mir ein Lächeln, wenn ihr geht.“

Als seine Freunde sich von Amiro verabschiedet hatten, bat er seine Enkeltochter, sich zu ihm aufs Bett zu setzen, und nahm ihre Hand.

„Sumila, seit deiner Geburt warst du die Sonne meines Lebens. Du hast mir geholfen, den Verlust meiner Frau und meines Sohnes hinzunehmen, ohne an meinem Schicksal zu verzweifeln. Ich habe dich zu einer jungen Frau heranreifen sehen, deren Wesen nicht schöner sein könnte. Ich kann leichten Herzens gehen, weil ich weiß, dass du dein Leben meistern wirst. Wenn du Hilfe brauchst, wirst du sie bei meinen Freunden finden.“

Sumila streichelte Amiros Hand. „Und wenn ich deine Hilfe brauche?“

„Dann lausche ganz tief in dich hinein, mein Mädchen, ich werde immer für dich da sein. Das verspreche ich dir.“

Sumila sah ihrem Großvater lange in die Augen, bis der vollkommene Frieden in seinem Blick ihr ganzes Wesen erfüllte.

 ♥♥♥

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