Vor ca. 390 Tagen bekam ich auf Anhieb einen Genehmigungsbescheid.

Vor ca. 380 Tagen bekam ich dann einen Brief, wann genau es los geht und wohin es mich verschlägt.

Vor genau 366 Tagen saß ich daheim. Weinend. Auf gepackten Koffern. Angst vor dem, was kommen wird. Ungewissheit, was mich erwarten wird. Ich war ohne jegliche Vorahnung, wohl aber im Hinterkopf mit vielen Vorurteilen ausgestattet.

Und heute vor genau 365 Tagen war es so weit; der 11.09.2013:
ich wendete meinem Alltag zuhause den Rücken zu und reiste nach Isny. Genauer gesagt nach Neutrauchburg. An einem Mittwoch. Alleine. Mit dem Zug.
Von Bamberg über Ingolstadt nach München und von dort weiter nach Kempten. Von dort aus mit dem Bus bis nach Isny und mit einem anderen Kleinbus bis nach Neutrauchburg. Mit 1 Koffer, 1 Rucksack und 1 Handtasche (die anderen 2 Koffer waren vorgeschickt worden).
Ohne es so recht zu realisieren und mit einem ganz komischen Gefühl im Magen (ich würde es mehr mit Angst als mit Neugierde umschreiben) trat ich meinen 1. Tag der Reha an, als ich gegen 12 Uhr den Fuß über die Schwelle der Klinik setzte.
Es war Mittagessenzeit und mein erster Weg nach der Anmeldung führte mich in den Speisesaal. Ich wurde einem Tisch zugewiesen, an dem ich die nächsten Wochen mein Essen einnehmen würde.
Tisch Nr. 1 – bezeichnend oder nicht, sei mal dahingestellt.
Schon dort wurde ich (abgesehen von den lieben Damen an der Rezeption) von sehr netten Menschen empfangen und ich fühlte mich gleich nicht mehr ganz so unwohl.
Danach wurde mir mein Zimmer gezeigt. Hochgrad, Zimmer 367.
Schon am Nachmittag ging es mit den ersten „Veranstaltungen“ los. Kennenlernen des Ärzte- und Betreuungsteams, andere Mitpatienten, Führungen durch die Gebäude usw.
Abends fiel ich müde ins Bett und dachte mir „Das war er also. Der 1. Tag von 5 Wochen. Es hätte schlimmer kommen können.“

Die Tage vergingen und so nach und nach lernte man alles kennen. Fand die Räume und Häuser, ohne sich zu verlaufen. Konnte sich auch langsam die Namen der Mitpatienten und der Häuser merken (Adelegg, Grünten, Hochgrad, Säntis) und die groben Tagesabläufe. Machte erste Bekanntschaften und gewöhnte sich so langsam aber sicher daran, keine wirklichen Verpflichtungen zu haben, außer bei jedem Essen anwesend sein zu müssen und seine Termine einzuhalten.
Das Kickern nach jedem Mittag- und Abendessen wurde zum festen Ritual („Tisch 1 kickert nach jedem Mittag- und Abendessen. Nur, damit das klar ist!“ sagte Dunja bereits am 1. Tag zu mir und sie sollte recht behalten). Man lernte nach und nach seine Therapeuten, Ärzte und Betreuer kennen. Lernte, wie man sich die Abende gestalten konnte oder allgemein die Freizeit (also normalerweise am Samstag/Sonntag bzw. sonst abends ab ca. 18 Uhr).

Wir fuhren mit einem Tagesausflug in die Schweiz oder bestiegen das Nebelhorn. Schauten uns Lindau am Bodensee oder auch Bregenz an. Liefen den 1 km von Neutrauchburg nach Isny und gingen in die Eisdiele oder bummelten. Wir spielten Billard oder puzzelten. Gingen wandern in den Eistobel (leider mit Leiche, aber man kann ja nicht alles haben). Waren im Haldenhof, so einer richtig urigen „Almhütte“ (und mit genau so einer Musik, wie man sie erwartet). Wir wanderten zum Jägerhof, einem 5-Sterne-Hotel und Beautytempel oder zum Fuchsbauer, wo es den leckersten Zwetschgenkuchen überhaupt gab. Oder genossen in „Der Sonne“ einen Kaiserschmarrn ohne Rosinen mit Zwetschgenkompott. Wir waren donnerstags in der Disco (ich war mehr oder weniger freiwillig da und auch nur 1x in der ganzen Zeit) oder hörten uns ein Klassik-Konzert an, das der örtliche Rotary Club organisiert hatte. Wir fütterten die Enten am Teich vor der Klinik (die dann hinterherwatschelten bis zum Eingang und mir den Namen „Entenmama“ einbrachten). Wir übten uns in Seidenmalerei oder beim Specksteinschmuck herstellen. Außerdem gab es den Kino-Freitag, an dem immer Freitag abends ein Film gezeigt wurde. Es reichte von „Chocolat“ über „Die Herbstzeitlosen“ zu „Eckart von Hirschhausen-Live“ und viele mehr. Dazwischen gab es noch so viele andere Dinge.

Das klingt jetzt nach viel Spaß und Erholung und Freunde finden. Aber dem gegenüber stand auch eine harte Zeit, die sich vor allem in den Gesprächen mit den Therapeuten oder auch im Gruppengespräch oder anderen Therapien (z.B. Musiktherapie) zeigte. An sich selbst arbeiten. Sich disziplinieren. Sich immer wieder selber in den Allerwertesten treten und immer wieder an seine (emotionalen) Grenzen gehen. Sich Aufgaben stellen, wie z.B. der Moderation der Morgenrunde. Sich mit Fragen und Thematiken auseinandersetzen und teilweise das eigene Denken hinterfragen, um auch andere Sichtweisen zu entdecken. Sich durch PMR (progressive Muskelentspannung nach Jacobson) oder MBSR (Stressbewältigung durch Achtsamkeit) oder Tai Chi quälen (vielleicht bin ich dafür einfach noch zu jung mit meinen 29 Jahren, damals noch 28). Immer wieder Abschied nehmen von lieben Menschen, die schon früher wieder heim fuhren/durften. Während der Fangobehandlung oder der Massage einfach mal in Tränen ausbrechen, weil alles zu viel wird. All das gehörte auch dazu.

Vor allem die letzten 24 Stunden meines Aufenthaltes in Neutrauchburg werde ich wohl nie vergessen können. Geschweige denn wollen. Und es sagt vermutlich schon alles, wenn ich jetzt erzähle, dass ich ab dem Frühstück am Abreisetag wie ein Schlosshund geweint habe, weil ich nicht weg wollte. Nicht mehr weg aus der Klinik. Nicht weg von all den tollen Menschen. Nicht mehr zurück in meinen Alltag. Und ich am Frühstücksbuffet vor Schluchzen und Weinen fast zusammengebrochen bin.

Das alles war so viel mehr, als ich je benennen werden kann, aber wenn ich an diese Zeit zurückdenke (aus der letztendlich 6 Wochen wurden), habe ich ein Lächeln im Gesicht und möchte umgehend zurück.
Ich vermisse die Menschen. Die Gespräche. Die Ehrlichkeit. Die Wertschätzung. Kein oberflächliches Tun, wie es leider heutzutage überall gang und gäbe ist. Ich vermisse es, keine Verpflichtungen zu haben und auch keine Erwartungen erfüllen zu müssen. Ich vermisse die Morgenwanderungen vor dem Frühstück. Ich vermisse meine Frau Aigner, meinen Herrn Stock, meinen Herrn Fischer. Vom Bewegungszentrum meinen Herrn Renner oder meine Frau Barz und Frau Nüsken…

Das mag jetzt äußerst hochtrabend klingen und ich werde das in meinem Alter vermutlich noch gar nicht richtig überblicken können, weil ich nicht weiß, was noch alles kommt, aber ich bin der festen Überzeugung, dass das die (bisher) beste Zeit in meinem ganzen Leben war.

Das war der Herbst meines Lebens.
Und ich möchte keine einzige Sekunde davon missen.

Ich bin so unglaublich dankbar dafür, diese Zeit gehabt haben zu dürfen (auch, wenn ich auf die Umstände, die diese Reha notwendig gemacht haben, gerne verzichtet hätte). Bin dankbar für die Menschen, die mir begegnet sind. Die mir ihr Vertrauen geschenkt haben und denen ich Vertrauen schenken konnte. Die meine Zeit in der Reha und überhaupt mein Leben so nachhaltig bereichert haben und teilweise immer noch bereichern…  Mir fehlen die Worte, um das ausreichend oder auch nur annähernd nachvollziehbar und für Außenstehende verständlich umschreiben zu können (aber vielleicht könnt Ihr es doch ein klein wenig verstehen, was ich sagen will).

Meine Frau Aigner hat zum Abschied zu mir gesagt „Ich wünsche Ihnen, dass Sie wieder zu der starken Frau werden, die Sie waren und sein können.“ <3 Ich bin immer noch auf dem Weg. Aber schon ein ganzes Stück weiter.

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