Hallo meine Lieben,

gefühlt 1.000x habe ich diesen Beitrag begonnen und immer wieder gelöscht. Nun „traue“ ich mich und schreibe ihn einfach runter, wie es mir gerade in den Sinn kommt oder schon seit Wochen und Monaten fragmenteweise in meinem Kopf herumschwirrt. Für Verwirrungen oder Schreibfehler übernehme ich daher keine Haftung – denn ihr wisst ja, dass mein Deszendent Zwillinge daran schuld ist, dass mein Geist in kürzester Kürze 1.000 gedankliche Verbindungen erzeugen kann. ;o)

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Ende August letzten Jahres kam die Verwandtschaft aus Kanada zu einem Deutschlandbesuch, nachdem wir sie 2012 besucht hatten. Wir hatten leider nur ein paar Stunden zusammen, da der Zeitplan straff war (mit Weiterreise in andere deutsche Städte und Gegenden), dennoch hatten wir jede Menge Spaß und eine gute Zeit. Während der Tischgespräche kam mir immer wieder der Gedanke „Wie mutig muss man sein, um im Jahre 1929 mit gerade einmal 24 Jahren mit seiner Ehefrau (23 Jahre) in Deutschland ein riesiges Schiff zu besteigen und sich von diesem in Halifax, Kanada, absetzen zu lassen? Ohne die dortige Sprache zu sprechen? Nicht zu wissen, was auf einen zukommt?“ Ich finde das sehr bewunderswert. Diesen Mut, diese Mentalität „Wir schaffen das. Wir beißen uns durch.“ und das in einem völlig fremden Land. Offensichtlich ging alles gut, denn die Verwandtschaft in Kanada gibt es immer noch.  :o)

Ich selber würde mich nicht als mutig bezeichnen. Gut, wenn man mutig sein muss, um den Edge Walk auf dem Toronto CN-Tower zu machen, dann bin ich das wohl. Oder wenn man sich Tattoos stechen lassen will, auch dann war ich da schon mehrmals mutig. Ich scheue auch nicht davor zurück, alleine zu reisen oder zu verreisen. Es hat mich immer nur stärker gemacht oder mir gezeigt, was ich will/brauche und was nicht. Auch ein Bungee Jump oder Fallschirmsprung würden mich nicht abschrecken behaupte ich, insofern bin ich dann vielleicht doch mutig.

Ich könnte aber vermutlich niemals einfach so alle Zelte abbrechen, obwohl ich in Gedanken manchmal nichts lieber als das tun würde. Damit ist nicht unbedingt das Auswandern gemeint (wobei das schon sehr oft verlockend wäre), ich spreche von kleineren Dingen, die jeder in seinem Alltag hat und damit vielleicht unzufrieden ist.

Mein letzter Allein-Urlaub im Juli 2016 war es wohl auch, der mich erstmals dazu gebracht hat, mir Gedanken zu machen. Ich lief bei Regen mit meinem Regenschirm zurück zu meiner Unterkunft in Isny, als mir dieses Schild ins Auge sprang:

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Ich gebe zu, dass ich zu dem Zeitpunkt gerade keinen guten Moment hatte und der Regen sein übriges dazu tat und vielleicht auch deshalb so sehr darauf angesprungen bin und mein Gedankenkarrusell gewaltig in Schwung geriet.

Werde ich meinen eigenen Weg gehen? Sicherlich. Die Frage ist nur, ob glücklich oder nicht glücklich. Mir fielen natürlich gleich Dinge ein, die mich nicht immer glücklich machen – und im Gegenzug Dinge und Momente, in denen ich der glücklichste Mensch auf der Welt war. Mir fiel es wie Schuppen von den Augen, an welcher dieser Dinge ich etwas ändern könnte und an welchen nicht. Jedoch verdrängte ich das alles wohl ein bisschen, da es in erster Linie unbequem werden könnte und sich dadurch viele viele Fragezeichen ergeben hätten. Ich war nicht wirklich bereit, mich damit auseinanderzusetzen.

Als ich nach dem Urlaub wieder nach Hause kam und das war nur wenige Tage später, zeigte mir mein Körper bzw. mein Gefühl schlagartig, was ich die Tage davor noch nicht so ganz wahr haben wollte. In meiner gewohnten Umgebung fühlte ich mich nicht mehr wohl. Noch konkreter wurde es, als der Urlaub seinem Ende entgegen ging und der Alltag wieder rief samt Arbeit. Dazu muss ich vielleicht erwähnen, dass ich 80% meiner Kollegen lieber von hinten als von vorne sehe (wenn man bedenkt, dass wir keine große Firma mit 200 Leuten sind sondern nur ca. ein Viertel davon, ist das ein echt schlechter Schnitt). Es hat seine Gründe, weshalb ich das so sehe und die sind sehr vielfältig, gehören hier aber nicht her. Fakt ist, dass es mich seit Jahren nach dem Urlaub an den Haaren wieder in den Alltag zieht, wobei das glücklicherweise seit ca. einem halben Jahr besser geworden ist. Ob das wirklich gut so für mich ist? Ich glaube, die Antwort zu kennen, aber mir fehlt der Mut. Und ein bisschen handfeste Gründe. 

Warum ich nicht mutig bin, dieses eine Zelt abbreche und woanders (vorzugsweise im tiefen Süden Deutschlands) neu beginne? Weil es so bequemer ist. Weil die Kollegen, die mir am nähesten sind, ein Traum sind und wir uns blind ergänzen. Weil ich mir über die Jahre hinweg eine Menge aufgebaut habe und alles im Schlaf finde, was ich brauche. Weil ich meinen Job gerne mache und auch der Meinung bin, dass ich ihn sehr gut mache (wow, vor 2012 hätte ich das niemals auch nur gedacht). Weil man auch woanders mit Kollegen und Menschen zusammenarbeiten muss und man auch nicht weiß, was und welche Charaktere da auf einen zukommen. Meine Kollegen kenne ich über Jahre hinweg und weiß grundsätzlich, wie ich sie zu nehmen habe. Auch, wenn mir das einmal total leicht fällt und mich ein anderes Mal zum Verzweifeln bringt. Je nach Tagesverfassung meiner Geduld und/oder Toleranz. Und nicht zu vergessen: meine Familie, mein Patenkind und meine Herzmenschen sind alle hier in meiner Nähe. Die möchte ich auf gar keinen Fall missen. Natürlich gibt es Autos und andere Verkehrsmittel, mit denen man anreisen könnte zu Familienfesten. Aber ich weiß sie lieber in meiner Nähe, wo ich auch spontan vorbei schauen kann und nicht erst über 300 km fahren muss. Vielleicht kann man das nachvollziehen.

Und vielleicht … ganz vielleicht … bin ich dann doch irgendwann einmal mutig. Aber im Moment bin ich es nicht. Aus Gründen.

2016-09-09-17-03-15

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Und nun ist es 00:40 Uhr morgens und ich veröffentliche diesen Text jetzt. Ohne nochmalige Korrektur. Sonst wird das wieder nichts. Das ist dann mutig genug für diese Woche. Ich wünsche Euch eine gute Nacht.

Eure Karina

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